Okinawa Karate – Traditionelle Methoden zur Gesundheitsförderung

von Michael Holzer (4. Dan Okinawa Goju Ryu Karate)

Das traditionelle Okinawa Karate hat seinen Ursprung in der urbanen Selbstverteidigung. Über die Jahrhunderte wandelte sich das Karate weg von der rein physischen Übung zu einer Form der Charakterbidlung. Die Betonung der Übung wurde verstärkt auf die Herausbildung des richtigen „Herzens“ gelegt. Mit Herz ist hier die Herausbildung eines starken Körpers und eines sanften Charakters gemeint. Nichts desto weniger oder gerade deshalb stellt das Training eine noch größere Herausforderung dar. Im Training erkennen wir unsere Grenzen. Wir gelangen dabei an Barrieren und Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Über das anspruchsvolle körperliche Training lernen wir diese Barrieren zu überwinden und uns Herausforderung zu stellen, das macht uns innerlich stärker und selbstbewusster. Hier beginnt das Karate in das eigene Leben einzugreifen. Durch das Selbstvertrauen, das wir uns im Dojo (Übungsraum) antrainiert haben, beginnt man die Dinge anders zu sehen und wahrzunehmen. Hindernisse im Alltag wie zum Beispiel Konflikte, verlieren ihren Schrecken. Ich kann mich selbst besser einschätzen und weiß wo meine Stärken und Schwächen liegen. Das ist natürlich kein Prozess, der sich nicht von heute auf morgen entwickelt. Es braucht Zeit und Übung und vor allem eine gute Führung durch einen sehr guten Lehrmeister.

Es ist kein großes Geheimnis mehr, dass ein aktiver Lebensstil unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden fördert. Mit fortschreitendem Alter baut der Körper ab. Wir verlieren Muskelmasse, die Knochendichte nimmt ab, und Organfunktionen lassen nach. Dazu müssen wir nicht viel tun, das macht der Körper ganz von allein. Nicht nur genug damit, dass diese Tatsache für sich schon schlimm ist, helfen wir dem Körper, durch unseren Lebensstil, auch noch dabei. Wir ernähren uns schlecht, essen zu viel und zu fettig und bewegen uns kaum, sitzen vor dem PC, im Auto, fahren mit dem Lift oder erhöhen die Morbidität und Mortalität durch Risiken wie Rauchen, Alkohol, Drogen und vielem mehr. Das Ergebnis kann man überall sehen:

  • Adipositas – Fettleibigkeit (BMI > 120)
  • Diabetes – Zuckerkrankheit
  • Fettstoffwechselstörungen – Hyper- und Dyslipidemie
  • Muskelschwund – Sarkopenie
  • Knochenschwund – Osteoporose
  • Bluthochdruck - Hypertonie
  • Herzleiden – Koronare Herzkrankheiten, Herzinfarkt

Es muss aber gar nicht so weit kommen! Die Schlüsselwörter sind BEWEGUNG und AUSGEWOGENE ERNÄHRUNG.

Was die Bewegung betrifft, so ist Okinawa Karate möglicherweise genau das Richtige. Warum? Im Vergleich zu vielen andern Sportarten fördert Karate den Körper als ganzheitliches System. Das Training ist holistisch aufgebaut und kann:

  • Individuell angepasst
  • In jedem Alter ausgeübt und
  • Abwechslungsreich gestaltet werden, sowie
  • Immer und überall stattfinden

Das Training im Karate beinhaltet eine Vielzahl von Trainingsmethoden, die auch mit der modernen Trainingswissenschaften Hand in Hand gehen. Zahlreiche Übungen, die heute im Bereich Sport, aber auch in der Physiotherapie genutzt werden, gab es schon vor Jahrhunderten im Karate.

Nun wie spricht uns das Karate auf der physischen Ebenen an. Verbessert werden nachfolgenden Fähigkeiten:

  • Kraft und Ausdauer
  • Schnelligkeit
  • Reflexe
  • Beweglichkeit
  • Körperwahrnehmung
  • Inter- und Intramuskuläre Koordination
  • Gleichgewicht
  • Konzentration und Ausgeglichenheit

Das sind doch interessante Aspekte! Wer 2- bis 3-mal pro Woche trainiert, kann den oben angeführten Erkrankungen entgegenwirken, manche sogar beseitigen. Karate ist kein Training im leistungsphysiologischen Sinne, es ist auch kein Sport, vielmehr ist es eine Art zu Leben bzw. ein Weg das Leben zu meistern.

Einen Aspekt, der noch nicht angesprochen wurde, betrifft die Entwicklung mentaler Stärke und Gelassenheit. Das Karatetraining ein wunderbarer Ausgleich zu einem stressbetonten Alltag. Im Training wird dieser Stress ausgeblendet, ich nur mit mir selbst, niemand anderer ist wichtig. Wird das Training richtig gesteuert und angeleitet, erreicht man einen Zustand der inneren Balance und Ausgeglichenheit. Es stellt sich ein befriedigender Zustand ein, der hin und wieder auch einen Einblick in die „Natur der Dinge“ erlaubt.

Da wir mehr über uns und unseren Lebensstil erfahren und nachdenken, erkennen wir auch, dass auch die richtige Ernährung Bestandteil eines gesunden Lebens ist. Wir möchten schließlich gesund alt werden und nicht unseren Lebensabend an eine Maschine oder Bett gefesselt verbringen.

Nun, was bedeutet eine „richtige Ernährung“. Um es auf den Punkt zu bringen Ernährung muss bedarfsgerecht und fettbewusst sein. Das heißt, dass wir nur so viel Energie zu uns nehmen, wie wir brauchen, uns fettärmer ernähren sollten, aufzuhören zu essen, wenn man satt ist und eher auf fettarme Lebensmittel zurückgreifen. Will ich zum Beispiel Gewicht verlieren, ist es sinnvoll, die Reserven, die ich mit mir herumtrage dadurch aufzubrauchen, indem ich meine Energiezufuhr gesund einschränke. Den Körper wird gezwungen diese Reserven zum Energieausgleich heranzuziehen (Thermodynamik). Gleichzeitig soll das Karatetraining dem Muskelschwund durch das Alter entgegenwirken.

Ein schöner Leitspruch, den ich in einer Publikation von Dr. Andreas Moosburger, Internist in Salzburg, fand, möchte ich hier zur Motivation anbringen:

„Add life to years, not years to life!“ – „Bringe Leben in die Jahre, nicht Jahre ins Leben!“

Jetzt, mit fast 40, wird mir mehr und mehr bewusst, wie wichtig physische und mentale Gesundheit sind. Das eine bedingt das andere. Ich möchte mein Leben genießen und nicht wie viele andere die Tage in Krankheit fristen. Das ich nicht mehr so leistungsfähig bin, wie mit 20 ist mir auch klar geworden. Umso wichtiger ist es auch zu verstehen, die Aktivität dem eigenen Zustand anzupassen. In jedem Alter und auch mit körperlichen Einschränkungen ist es immer noch möglich fit zu bleiben oder zu werden. Es ist gleich, welche Art von Bewegung wir machen, solange wir Bewegung machen.

Doch das aller wichtigste ist es sich eine Aktivität zu suchen, die einem Spaß macht und Freude bereitet, wie das traditionelle Okinawa Goju Ryu Karate!

Michael Holzer, 4. Dan IOGKF
Vorstandsmitglied der ÖGMuG